Monday, August 29, 2005


Da wir gerade beim Thema "Horror" sind...

SUSPIRIA


In der Kürze liegt (manchmal) die Würze...


Die junge Amerikanerin Suzy reist nach München, um an einer renommierten Akademie Tanz zu studieren. Als sie dort ankommt, begegnet sie einem jungen Mädchen, das überstürzt flüchtet und noch in derselben Nacht in ihrer Wohnung brutal ermordet wird. Doch dabei bleibt es nicht. Während einer Probe bricht Suzy unter mysteriösen Gründen zusammen und eines Nachts terrorisieren Maden die Schülerinnen. Schließlich geschieht ein weiterer Mord. Nachdem sie Nachforschungen unternommen hat, kommt Suzy ein furchtbarer Verdacht.

„Suspiria“ ist ein Triumph der Form über den Inhalt. Dies wurde schon vielen Filmen vorgeworfen, guten und schlechten Vertretern ihrer jeweiligen Genres, hier ist er jedoch eindeutig als Kompliment gedacht. Dario Argento will nicht aufrütteln, belehren oder anrühren. Er will Angst erzeugen. Nicht mehr, nicht weniger. Dabei führt er beispielhaft den typischen Aufbau italienischer Horrorfilme, besonders jenen der sogenannten „Giallos“, die ihren Namen Groschenheften verdanken, die in Italien mit gelbem Cover erschienen, vor. Die Geschichte an sich ist wenig schlüssig, dennoch kommt zu keiner Zeit Langeweile auf, da Argento sich zwar stark auf die Wirkung der jeweiligen Einzelszene verlässt, diese aber souverän mit der nächsten verbindet. Wenn man die Geschehnisse nicht allzu kritisch auf ihre Logik hin untersucht, entsteht ein irritierender Fluss, der eine traumähnliche Qualität besitzt. Interessant ist in dem Zusammenhang, dass man über Brian De Palmas Hitchcock-Hommage „Dressed To Kill“ (1980) fast das Gleiche behaupten könnte. Sowohl Argento als auch De Palma treiben Hitchcocks Idee des Spannungskinos auf die Spitze. Alle Kräfte werden gebündelt, um eine maximale Manipulation des Zuschauers zu bewirken, Schauspieler müssen sich unterordnen. Die Form ist ausschlaggebend und diese ist bei „Suspiria“ von bizarrer hyperstilisierter Schönheit. Kameramann Luciano Tivoli benutzte das als veraltet angesehene Technicolor-Verfahren und betonte die Primärfarben, Gelb, Rot und Blau. Verbunden mit strengen Bild-kompositionen, mit starken, von Innen betonten Mittelachsen, die mitunter an die konstruktivistische Photographie erinnern, entsteht ein einzigartiger Eindruck. Natürlich darf auch die minimalistische Musik der Rockgruppe „Goblin“ nicht unerwähnt bleiben, die eine suggestive Wirkung entfaltet, erheblich zur unheilvollen Atmosphäre beiträgt und sich von gängigen Horrorfilm-Soundtracks angenehm abhebt.

Jonas Reinartz


Suspiria
Italien 1977 - Regie: Dario Argento –Drehbuch: Dario Argento, Daria Nicolodi - Darsteller: Jessica Harper, Stefania Casini, Flavio Bucci, Miguel Bose, Rudolf Schündler, Udo Kier - FSK: ab 18 - Länge: 95 min. – Verleih: Gloria-Verleih – Kinostart (Deutschland): 5.10.1977

THE SHINING


Für andere Kubrick-Addicts... ;)


Das Übernatürliche darf man nicht auseinander pflücken und allzu kritisch unter die Lupe nehmen. Entscheidend ist allein die Frage, ob es gut genug ist, dass einem die Nackenhaare zu Berge stehen.“ ( Stanley Kubrick)

The Shining oder Kubrick goes Mainstream? Der Regie-Exzentriker und sein Ausflug ins Horror-Genre - von Jonas Reinartz -

In den Bergen Colorados befindet sich das Overlook-Hotel. In der Wintersaison wird es geschlossen, und für diese Zeit wird ein Hausmeister gesucht. Der ehemalige Lehrer und erfolglose Schriftsteller Jack Torrance bekommt den Job, seine Ehefrau Wendy und sein sechsjähriger Sohn Danny begleiten ihn. Dass der vorherige Hausmeister, Grady, hier ein Massaker beging und Frau und Kinder zerstückelte, verschweigt Jack seiner Familie.

In der Isolation verstärken sich die familieninternen Konflikte spürbar; Danny, der schon früher Gespräche mit seinem imaginären Freund „Tony“ führte, hat Visionen von einem blutüberströmten Zwillingspärchen, und seine Mutter neigt zunehmend zur Hysterie. Jack , der sich eigentlich auf die Einsamkeit gefreut hatte, leidet an einer Schreibblockade und reagiert auf Störungen sehr gereizt; er hat Schwierigkeit, seine Wut unter Kontrolle zu halten.

Schließlich begegnen Vater und Sohn kurz hintereinander einem Geist in Gestalt einer verwesenden alten Frau, doch dem erwachsenen Mann erscheint sie zunächst als attraktive nackte Schönheit. Doch dabei bleibt es nicht, Jack macht zudem die Bekanntschaft mit dem Barkeeper Llyod, der plötzlich aus dem Nichts auftaucht und ihn, den Ex-Alkoholiker, wieder in Versuchung führt, indem er ihm einen Drink ausschenkt. Lloyd trifft er später auf einer Party im Ballsaal des Hotels wieder, wie auch einen gewissen Grady, der ihm rät, bei seiner Familie aufs „Schärfste durchzugreifen“, so wie er es einst tat. Nun beschließt Jack, die in seinen Augen widerspenstigen Angehörigen zu ermorden...

Bereits im Jahr 1966 verkündete Stanley Kubrick einem Freund, dass er Interesse habe, einen Horrorfilm zu drehen, und zwar nichts Geringeres als „den gruseligsten Film der Welt“. Laut eigenem Bekunden sah er es dies als eine lohnende intellektuelle Herausforderung an, doch zunächst ließ sich einfach keine für ihn geeignete Romanvorlage finden. Auch Warner Bros. gefiel anscheinend die Vorstellung, Kubrick einen Horrorfilm inszenieren zu lassen, und so wurde ihm sowohl der Regiestuhl bei „The Exorcist“ als auch „The Exorcist – The Heretic“ angeboten, was er aber ausschlug, so dass William Friedkin bzw. John Boorman diese Aufgaben zufielen.

1977, zwei Jahre nach der Veröffentlichung von „Barry Lyndon“, der sich als finanzielle Enttäuschung entpuppte und ein gespaltenes Kritikerecho hervorrief, wobei die Vorwürfe der Kälte und Gefühllosigkeit für ihren Adressaten keineswegs neu waren, schickte der damalige Warner-Produktionschef, John Calley, einen Korrekturabzug von Stephen Kings Roman „The Shining“ an Kubrick, der hellauf begeistert reagierte, wobei darüber spekuliert werden kann, ob nicht auch kommerzielle Erwägungen eine Rolle spielten und er bemerkte, es handele sich um „eine der genialsten und spannendsten Geschichten dieses Genres, die ich je gelesen hatte“. Nach der Vollendung seines Historienfilms hatte er, wie er es in einer solchen Situation stets tat, monatelang etliche Bücher verschlungen, auf der Suche nach einem geeigneten Stoff. Dabei stieß er auf die Autorin Diana Johnson, besonders ihr Roman „The Shadow Knows“ hatte es ihm angetan. Wie sich herausstellte, hielt Johnson ein Seminar an der Universität von Berkley zu dem Thema „Schauerroman“ ab, so dass der in dem Genre noch nicht allzu sehr vertraute Regisseur die Möglichkeit erkannte, die eine Kollaboration mit Johnson bot. Nach einigen Treffen war man sich einig und noch in Juni des gleichen Jahres begann ihre Zusammenarbeit. Man traf sich zunächst, um über Kings Roman und das Horrorgenre an sich zu diskutieren. Zu den Lektüren, mit denen sie sich beschäftigten, zählten u.a. Werke Edgar Allan Poes, Bruno Bettelheims Schrift „Kinder brauchen Märchen“ und Sigmund Freuds „Das Unheimliche“. Im Anschluss entstand ein kurzer Abriss der Handlung, gefolgt von ersten Arbeiten am Drehbuch, an dem übrigens noch während der Dreharbeiten gefeilt werden sollte.

Doch was ist Stanley Kubricks „The Shining“? Die 250.000-Euro-Frage lautet wie folgt: a) Der Versuch eines elitären Regiestars, sich dem Massenpublikum anzunähern? b) Die Suche nach der Bedeutung eines Groschenromans, geschrieben von einem Autor, der wie am Fließband arbeitet? c) Oder einfach nur ein kalt kalkuliertes, schnörkelloses Experiment in Sachen Film-Terror? Vermutlich zu gleichen Teilen a) und b) . Denn: a) Sicherlich war die Vorstellung, endlich wieder einmal, nach „2001-A Space Odyssey“, einen Hit beim Publikum zu landen, Balsam für Kubricks Seele. Nicht, dass er es unbedingt gebraucht hätte, aber jeder Regisseur, der behauptet, ihm würde kommerzieller Erfolg nichts bedeuten, lügt, ganz einfach. Und in der Tat wurde der Film Kubricks größter Erfolg an den Kinokasse, allein 30,9 Millionen Dollar spielte „The Shining“ in den USA ein. Die Enttäuschung, dass das lange geplante Traumprojekt „Napoleon“ nicht finanzierbar gewesen war, hatte zudem in dieser Hinsicht vielleicht kleine Wunden verursacht, für die er sich Linderung versprach. Diese Spekulationen möge man mir verzeihen, das war es dann auch zu dem Thema, dies soll ja schließlich keine dilettantische , hobby-psychologische Abhandlung über das Innenleben von Mr. Kubrick werden. Außerdem haben Christiane und Jan Harlan sicherlich sehr, sehr gute Anwälte, oder?

b) „The Shining“ will Angst erzeugen. Dies ist seine hauptsächliche Funktion, was jedoch nicht bedeuten soll, dass er nicht interessante Themen aufgreift. Der Vater, der versucht, seinen eigenen Sohn zu ermorden, ein archetypischer Konflikt, der so auch in der Bibel zu finden ist. Die Tatsache, dass das Overlook-Hotel auf einem Indianer-Friedhof erbaut wurde und der Mord am einzigen farbigen des Films,Hollaran. Das Problem einer Schreibblockade. Alles interessante thematische Ansätze, die zwar vorhanden sind, aber nicht vertieft werden. Zudem ließ Kubrick die „Pseudocharakterisierung und überflüssige psychologische Fingerzeige“, wie er es nannte, die in Kings Vorlage vorhanden sind, unter den Tisch fallen. Die Figuren interessieren ihn nicht wirklich, sie sind treffend gezeichnet, keine Frage, aber sie sind eben Archetypen und eher als Schachfiguren zu sehen, in einem Spiel, das der Regisseur mit dem Zuschauer spielt. Das dies vielleicht zu „glatt“ und kalkuliert abläuft, ist ein berechtigter Kritikpunkt, aber auf der anderen Seite ist es bemerkenswert, wie sicher sich ein Filmemacher auf für ihm genrefremden Terrain bewegt.

Bereits die unheimliche Eröffnungsmusik lässt Böses erahnen. Als bei Jacks Einstellungsgespräch das Massaker Gradys zur Sprache kommt, dürfte so ziemlich jedem Betrachter klar sein, worauf dieser Film herausläuft. Es wurde vielfach kritisiert, Jack Nicholson würde bereits viel zu früh erkennen lassen, dass seine Figur dem Wahnsinn verfällt. Das mag sein. Man muss sich aber bewusst machen, dass „The Shining“ gewissermaßen eine „gläserne“ Struktur besitzt. Jeder, der einigermaßen Erfahrungen mit Horrorfilmen besitzt, kann ungefähr voraussagen, wie sich die Handlung entwickeln wird. Und das ist genau das, was sich Kubrick zu Nutze macht. Er führt offen vor, wie ein solcher Genrebeitrag funktioniert.

Danny besitzt aufgrund seiner übernatürlichen Fähigkeiten einen Wissensvorsprung vor seinen Eltern. Ausgestattet mit diesen Kentnissen, unterstützt von optischer Gestaltung (man achte nur einmal, wie sich die Farbe Rot durch den gesamten Film zieht) und der Musikspur (Kompositionen von Wendy Carlos, Rachel Elkind, Bela Bartok, György Lygeti, Krzysztof Penderecki und elektronisch veränderte Geräusche, etwa das Klopfen eines Herzens), wirken selbst im Grunde banale, alltägliche Geschehnisse bedrohlich. Alles ist eine Frage des Blickwinkels, der Wahrnehmung. In diesem Zusammenhang erlaubt sich Kubrick zudem einen augenzwinkernden Scherz. Die Kapitelüberschriften, die den Film einteilen, sind teilweise so gesetzt, dass sie zusammen mit der Musik, zumindest beim ersten Anschauen, einen Schockeffekt auslösen und den Zuschauer aufschrecken lassen, was sich nah an der Grenze zur Selbstparodie bewegt: Seht her, sagt der Regisseur, ihr habt euch auf mein Spiel eingelassen und wenn ich euch so weit habe, kann ich euch sogar mit ein paar Tönen, einem Schwarzbild und einigen weißen Buchstaben ängstigen. Die Macht des Regisseurs über sein Publikum wird von „The Shining“ also ebenfalls thematisiert.

Beim Erscheinen von „The Shining“ waren die Erwartungen an Kubricks Film, wie üblich, sehr hoch. Viele Kritiker hatten sich einen klassischen „gothic horror film“ versprochen, der in düsteren Szenarien schwelgte. Doch was lieferte Kubrick? Einen Film, der größtenteils in sehr hell ausgeleuchteten Räumen spielt, teilweise ist das Licht sogar regelrecht grell. Selbst die verhältnismäßig wenigen, bläulichen Nachtszenen entsprechen nicht den genreüblichen Standards. Die typische Film-Dunkelheit wird ausgespart, Tageslicht (besser: Studiolicht!) dominiert viele Sequenzen.

Dies führt uns zum zentralen Thema des Films, der Dualität von Wahrnehmung. Diese ist sehr stark mit der Analyse der Optik des Films verknüpft ist. Die Dualität der wahrnehmung gilt für die Protagonisten als auch die Zuschauer des Films. Der Familienvater, der seine Beschützerinstinkte ignoriert und das Zwillingspärchen, sowohl lebend als auch tot zu sehen; die junge Dame, die sich in eine scheußliche Leiche verwandelt. Die symmetrischen Bildkompositionen, die wesentlichen visuellen Merkmale Kubricks, unterstützen diese Interpretation. Die Räume wirken regelrecht gespiegelt. In einer Szene sehen wir Jack kurz nach dem Aufwachen, die Kamera fährt zurück, als Wendy ihm das Frühstück ans Bett bringt, und wir sehen, dass wir ihn zuvor in einem Spiegel betrachtet haben. Man hat uns überrumpelt. Woran erkennen wir, was real ist? Unsere Sinne können uns täuschen. Von der üblichen Spiegel-Metapher, die Schizophrenie andeuten soll, ganz zu schweigen. Das Abbild von Jack hat man für real gehalten, genau wie er später Lloyd und Grady, Gespenster in der Story, als „real“ zu erkennen glaubt. Zu diesem Thema äußerte sich die Koautorin Johnson folgendermaßen: „Der Geisteszustand der Charaktere kann echte, mit physischen Kräften ausgestattete Geister erzeugen. Wenn Heinrich VIII. Anne Boleyn im blutigen Tower herumspazieren sieht, ist sie ein echter Geist, aber sie ist auch eine Ausgeburt seines Hasses.“ Es ist nichts Ungewöhnliches, dass etwas so Subjektives wie ein Wahnzustand filmisch visualisiert wird, ist doch etwa die Darstellung einer Lüge seit Kurosawas „Rashomon“ nichts Unbekanntes mehr. Doch wie befreit sich Jack aus der Kühlkammer? Die Art wie er entkommen kann, nämlich durch die Hilfe von Grady, kann eine Halluzination sein, aber wie soll er das, sozusagen in der physischen Wirklichkeit der Filmhandlung, selbst fertig gebracht haben? Die diversen Realitätsebenen in „The Shining“ sind unzertrennbar und unauflösbar miteinander verwoben.

Im Grunde funktioniert das Medium Film selbst auf einer Ebene, die ständig zwischen Realität und Wahn oszilliert. Wie ist es sonst zu erklären, dass mancher psychisch gestörte Mensch nicht den Unterschied zwischen Schauspieler und Rolle erkennt und sich als „Stalker“ betätigt? Wie kann es sein, dass Leute an das Fernsehen schreiben weil sie die Schwarzwaldklinik mit Professor Brinkmann für "echt" halten? Träume, Wahnvorstellungen und eben auch Geschichten und Filme speisen sich aus unseren Gedanken, Vorstellungen, Wünschen, ob bewusst oder unbewusst; schöne, irritierende oder abartige.

Üblicherweise verweigerte sich Kubrick postmodernen Spielereien wie selbstreferenzierende Verweise. Da war die in einem Plattenladen in "Clockwork Orange" ausgestellte Soundtrack-LP von „2001“ schon eine Ausnahme, zumal sie wiederum auf nichts außerhalb des Kubrick-Universums verweist. In „The Shining“ verzichtet er auf solche Verweise. Es gibt eine Anspielungen auf „Bugs Bunny“ und „Hänsel und Gretel“. Auch in „Barry Lyndon“ gab es eine Kapiteleinteilung, zwei an der Zahl, in „The Shining“ sind es dagegen sieben. Ein Regisseur wie Tarantino benutzt die Kapiteleinteilung zwar gerne als Spielerei und um die Narration auf den Kopf zu stellen, er will aber auch folgendes verdeutlichen: Es ist alles nur ein Film. Kubrick war selbstverständlich aus gänzlichen anderem Holz geschnitzt als unser hyperaktiver „Video Archives“-Freak, daher bleibt es Spekulation, allerdings eine interessante, ob Kubrick, wie oben vermutet, mit der aus der Literatur stammenden Einteilung der Filmerzählung in Kapitel die Untiefen einer eher flachen literarischen Vorlage austarieren wollte.

Dies führt direkt zum letzten Aspekt, der hier behandelt werden soll. Die allgegenwärtige narrative, ambivalente Widersprüchlichkeit der Filmhandlung. Grady äußert Jack gegenüber, dieser sei schon immer im Overlook-Hotel gewesen. Die Mädchen, die Danny begegnen, sollen angeblich in den 1970ern ermordet worden sein, ihre Kleidung lässt jedoch eher auf die 1920er Jahre schließen. Dem Barkeeper erzählt Jack, er wäre vor fünf Jahren gegenüber seinem Sohn handgreiflich geworden, Wendy hingegen spricht davon, es sei erst fünf Monate her. Zu guter Letzt ist er im letzten Bild des Films auf einem Foto zu sehen, dass ihn inmitten einer Partygesellschaft zeigt. Die Veranstaltung fand am 4. Juli 1921 statt. Womit haben wir es hier zu tun? Mit einer Zeitschleife? Oder eher einer Kraft, die gewissermaßen die Zeit außer Kraft setzt? Gibt es Grady und Jack jeweils doppelt? Einige Storyelemente machen narrativ einigermaßen Sinn, aber wer ernsthaft versuchen würde, all dies logisch verstehen zu wollen, würde buchstäblich verrückt. Man sollte einfach auf das Zitat verweisen, das am Beginn dieser Rezension steht, und sich den Bildern und Tönen von „The Shining“ ausliefern. Es gibt nicht viele Filme, die so bewusst konstruiert sind und dennoch keine blutleere eitle Fingerübung sind. Zumindest nicht allzu viele dieser Art außerhalb Kubricks Oeuvre.

The Shining. UK 1980. R: Stanley Kubrick. B: Stanley Kubrick, Diane Johnson. K: John Alcott. S: Ray Lovejoy. M: Wendy Carlos, Rachel Elkind, Bela Bartok, György Lygeti, Krzysztof Penderecki . P: Warner. D: Jack Nicholson, Shelley Duvall, Danny Lloyd, Scatman Criothers, Philip Stone, Joe Turkel, u.a. Länge der deutschen Schnittfassung: 119 min. (USA: 146 min.) Deutsche Erstaufführung: 16. Oktober 1980

Sunday, August 28, 2005

DIE NACKTE KANONE


So, die erste Kritk ist online. Viel Spaß damit!


“Well, when I see five weirdos dressed in togas, stabbing a man in the middle of the park in front of a full view of 100 people, I shoot the bastards, that's my policy!” –“That was a Shakesphere In The Park Production of Julius Caesar, you moron! You killed five actors! Good ones!“


Frank Drebin (Leslie Nielsen), Polizist bei der Spezialeinheit, „einer speziellen Spezialeinheit der Spezialpolizei“ die zum Großteil aus grenzdebilen Kindsköpfen besteht, was ihn ganz und gar nicht ausschließt, ist gerade aus einem Urlaub im Nahen Osten, bei dem er ganz nebenbei und ohne nennenswerte Probleme ein gemütliches Terroristen-Kaffekränzchen sprengen konnte und u.a. Gaddafi, Arafat und Gorbatschow aufs Kreuz legte, nach L.A. zurück gekehrt . Sein Kumpel Ed (George Kennedy), sichtbar ein Gourmand, holt ihn vom Flughafen ab und hat ihm einiges zu berichten. Drebin steht nun vor einem Scherbenhaufen. Seine Frau hat ihn wegen ihres jüngeren Liebhabers verlassen und Kollege und Freund Nordberg (sichtlich nicht wirklich ein Schauspieler: O.J. Simpson) wurde während einer Undercover-Ermittlung im Drogen-Milieu auf dem Schiff „I LUV YOU“ des einflussreichen Geschäftsmannes Vincent Ludwig (Ricardo Montalban) übel zugerichtet. Nachdem dieser bei einem Besuch Drebins gründlich verhört, verzeihung, verstört wird (u.a. geben ein unbezahlbarer Kugelschreiber des japanischen Kaisers Hirohito und ein Kampffisch den Geist auf), setzt Ludwig seine überaus attraktive Sekretärin Jane (Priscilla Presley) auf seinen Widersacher an, was die ganze Angelegenheit weiter kompliziert (oder simplifiziert?). Die beiden einsamen Seelen verlieben sich. Von einer gefährlichen Mixtur aus Naivität und Verbohrtheit getrieben, ermittelt Drebin weiter, wagt einen Einbruch und entdeckt in Ludwigs luxuriösen Büro einen schriftlichen Beweis für eine perfide kriminelle Schandtat: Queen Elizabeth II. (Jeanette Charles, ihrem realen Vorbild durchaus ähnlich) soll während ihres Besuches in L.A. einem Attentat zum Opfer fallen. Durch einen für ihn üblichen dummen Zufall verbrennt Drebin das Beweisstück, setzt das gesamte Großraumbüro in Brand, zerstört einen Großteil Ludwigs sündhaft teurer Gemälde und Vasen, flieht aus dem Fenster und belästigt eine Nachbarin mit einem Beton–Phallus. Nachdem er zuvor bereits einen (missglückten) Anschlag auf Nordberg verüben ließ, verliert Drebins Erzfeind nun endgültig die Geduld. Der Quälgeist soll sterben...


Beschäftigen wir uns zunächst mit dem Offensichtlichen. Es mag vielleicht nicht unbedingt clever erscheinen, einem Film in seiner Rezension so früh mit Lob zu überschütten, aber warum lange um den heißen Brei herumreden? „Die Nackte Kanone“ gehört definitiv zu den lustigsten Filmen, die je gedreht wurden. Würde man den Autor dieser Zeilen einer chinesischen Wasserfolter unterziehen und, was weitaus schlimmer ist, parallel dazu zwingen, die komplette Diskographie von Dieter Bohlen zu hören, er bliebe bei seiner Meinung. ZAZ (Zucker, Abrahams, Zucker, an Pat Proft, den armen Kerl, hat mal wieder keiner gedacht) kennen kein Erbarmen mit den Lachmuskeln des Zuschauers, da werden alle erdenklichen Mittel ohne Gnade angewendet. Von herrlich altmodischem Slapstick (die Verwüstung von Ludwigs Büro), grotesk übersteigerten Situationen (Nordbergs Attentäter kracht in einen beladenen Truck, ein Panzerfahrzeug und schließlich in eine Feuerwerksfabrik!) Buchstabendrehern( „Tell Tod, äh, toll, Ted!“), patentiert sinnfreien Konversationen(„Haben Sie nicht Angst, dass Ihre Kanone einmal los geht?“ – „Nein, nicht mehr, jetzt denke ich einfach an Baseball.“), bis an Peinlichkeitsgrenzen auslotende Situationen (zumindest für eine Mainstream-Komödie A.D. 1988!) wie Drebins sich an eine Pressekonferenz anschließender Toilettenbesuch, bei dem das vornehme Saalpublikum aufgrund eines angelassenen Mikrofons Drebins Wasserlassen und ausgiebigen Blähungen lauschen muss, reicht die ZAZ-Palette der Komik. Gekrönt wird das Ganze von Leslie Nielsens präziser „deadpan“-Performance. An manchen Stellen wirkt er fast so, als würde er versuchen, William Shatner zu imitieren, der eigentlich auf dem Weg zum „T.J. Hooker“-Set war, dann aber zunächst dem nächsten Buffet oberste Priorität erachtete, sich nun ins falsche Studio verirrte und auf dem Weg eine ganze Packung Valium zu sich nahm. Nielsens stoische Ernsthaftigkeit steht in völligem Gegensatz zu dem hirnerweichenden Nonsens, den er von sich geben muss, und gerade diese Art ist es, die den Film so gut funktionieren lässt. Unser Protagonist ist ein aufrechter Polizist, auch wenn er grenzenlos verblödet ist und um sich herum ein fürchterliches Chaos hinterlässt. Wir lachen mit ihm, nicht über ihn. Er ist kein Clown, stattdessen verkörpert eine Menge an menschlichen Schwächen, die ihn aber letztlich auch sehr menschlich und sympathisch machen, im Gegensatz zu ikonenhaften, unantastbaren Figuren wie „Dirty Harry“, dem titelgebenden Helden aus Don Siegels Film (1971) aus dem beispielsweise ein Dialog fast wörtlich zitiert und dadurch gründlich veralbert wird, was zudem zu einem anderem Aspekt des Films führt, nämlich seine Funktion als Parodie (griech. „Gegengesang“) auf das Genre des Polizeifilms und, wie gerade erwähnt, einzelne Filme dieser Gattung.


Doch was genau ist ein so genannter „Polizeifilm“? Wer dieses Wissen schon erworben hat, kann diesen Abschnitt getrost überfliegen. Es handelt sich hierbei um ein aktionsbetontes Subgenre des Kriminalfilms, wobei selbstverständlich ein Polizist und seine Ermittlungen, einen schwerwiegenden Kriminalfall betreffend, im Mittelpunkt der Handlung stehen. Im amerikanischen Kino der 50er Jahre liegen seine Ursprünge, vor allem natürlich im Film noir, der zuerst die mit tödlichen Gefahren aufwartende Großstadt als Revier des Polizisten etablierte (z.B. in „Heißes Eisen des deutschen Regisseurs Fritz Lang von 1953). Der abwechslungsreiche Alltag der Polizisten ermöglichte es der Unterhaltungsindustrie, eine große Menge an Themen in ihre Produkte einzubringen, was bereits in den frühen Tagen des Fernsehens zur Entwicklung von Polizeiserien führte, z.B. „Chicago 1930“(1959-63), deren Tradition auch noch heutigen Fernsehen deutlich spürbar ist. Genretypisch ist sehr häufig eine Parallelmontage protagonistischer und antagonistischer Aktionen, was nicht selten zu einem spektakulären Showdown, der eindeutig vom Western geprägt ist, führt. Es ist daher kein Zufall, dass der Polizeifilm als „Großstadtwestern“ bezeichnet wird. Seiner häufigen Trivialität entsprechend, sind die Verbrecher meistens relativ simpel charakterisiert, so werden sie sogar oft zu Schieß-budenfiguren oder nehmen regelrecht damönische Züge an, so dass Selbstjustiz der einzige Ausweg zu sein scheint. Besonders in den späten 60ern und den 70er Jahren wurde die Figur des Antihelden (z.B. in „Dirty Harry“, „French Connection 1&2“) immens populär. Zwar sollte man eine Verallgemeinerung vermeiden, aber diese Figuren besitzen dennoch einige generelle Gemeinsamkeiten. Der Protagonist nimmt zunehmend tragische Züge an; meistens ist er beziehunsunfähig, verfällt vereinzelt, wie Gene Hackmans Jimmy Doyle, wenn auch unfreiwillig, dem Drogenkonsum (im Gegensatz zu Frank Drebin, der sich lediglich vor dem Schlafengehen ein Glas Schlummifix gönnt!) und wird von selbstzerstörerischer Wut getrieben. Die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischen zunehmend. Wie jedermann gut erkennen dürfte, ist der Polizeifilm aufgrund seiner standardisierten Elemente wie geschaffen für eine gründliche Parodie, da diese eben Standard-situationen aufgreift, übersteigert und mit eigenen, skurrilen Einfällen, beispielsweise solche, die sich auf Alltägliches im menschlichen Leben beziehen, der für gewöhnlich in den meisten Genrefilmen ausgespart wird (oder haben Sie schon häufig gesehen, wie in einem üblichen Polizeifilm der Kommissar dringend aufs stille Örtchen muss?), versieht. Auf andere Genres wie das Melodram, den Western und den Horrorfilm trifft dies ebenso zu. In der Filmgeschichte kam es bereits früh zu der Entstehung von Parodien. Noch vor den Marx Brothers, Laurel und Hardy und etlichen anderen drehte Buster Keaton im Jahre 1925 die Western-Parodie „Der Cowboy“. Andere bekannte Beispiele sind beispielsweise „Tanz der Vampire“(1967) von Roman Polanski und diverse Filme von Mel Brooks, wie „Frankenstein Junior“(1974), „Spaceballs“(1987), übrigens mit Leslie Nielsen in der Hauptrolle, „Dracula-Tot, aber glücklich“(1995). Populär waren auch die „Airplane“-Filme des ZAZ-Teams, die 1980 und 1982 entstanden, Persiflagen auf die unzählbaren und definitiv unsäglichen „Airport“-Filme. Die frühen ZAZ-Filme sind jedoch rückblickend besser als Fingerübung zu sehen, da viele Gags einfach nicht zünden wollen. Mitte der 80er folgte dann die leider erfolglose Serie „Police Squad“ (1982), die letztendlich die Vorlage für „Die Nackte Kanone“ (1988) und die beiden ebenfalls gelungenen Fortsetzungen „Die Nackte Kanone 2 ½“ (1991) und „Die Nackte Kanone 33 1/3“ (1994) lieferte.


Doch was ist es, was diesen Film zu einer gelungenen Parodie macht? Es ist vor allem die Kenntnis des Autoren und der Regie, was das Objekt des Spotts betrifft. Dies beginnt bereits beim Vorspann, der anfangs einem klassischen Polizeifilm entnommen zu sein scheint, spätestens jedoch ins Wahnwitzige kippt, wenn der Zuschauer erkennt, wohin der Weg des Polizeiwagens führt. Bereits zu diesem Zeitpunkt fällt die sowohl als liebevolle Hommage als auch hemmungslose Verballhornung einzuschätzende Musik von Ira Newborn auf, die die Szenen herrlich übertrieben untermalt. In der Figur des Frank Drebin finden wir schließlich etliche Bezüge zu den oben erwähnten Antihelden. Harry „Dirty Harry“ Callahan kam nie aus San Francisco heraus, Drebin jedoch legt sich bereits während der Pre-Credit-Sequenz furchtlos mit der Creme de la Creme des internationalen Terrorismus an. Desweiteren, so erfahren wir, erschoß er einmal völlig kaltschnäutzig fünf Schauspieler einer „Shakespeare im Park“-Darbietung , die gemäß ihrer Regieanweisung Julius Cäsar „ermordeten“. Bei seiner Rechtfertigung benutzt er exakt die gleiche Sprachfloskel, die Calahan einst benutzte: „That’s my policy!“. Filmkenner ringen da natürlich vor Lachen um Luft. Übertroffen wird dies lediglich im zweiten Teil der Reihe, in dem ein stolzer Drebin vom damaligen Präsidenten George Bush Sr. eine Auszeichnung für die „Erschießung seines 1000. Drogendealers“ erhält, jedoch lässig gesteht, dass er die letzten beiden versehentlich mit dem Wagen überfuhr. Diese Ehrung ist allerdings eine Ausnahme. Wie seine Vorbilder bekommt Drebin meistens Ärger mit seinen Vorgesetzten, er ist ein großer Junge, ein Kind im Manne, das ernsthafte Probleme hat, aber letztendlich ist er Erfolg auf seiner Seite und das ist es ja, was zählt. Im wirklichen Leben und, in noch extremerer Form, in der Traumwelt Hollywoods. Da darf natürlich auch die obligatorische Autojagd nicht fehlen, die allerdings noch ein wenig destruktiver ausfällt als beispielsweise in „Bullitt“(1968). Denn Drebin ist ja dermaßen mit einer unnachahmlichen Schusseligkeit gestraft, die ihn in Situationen führt, die so schreiend komisch sind, dass man sich diesen Film immer wieder anschauen kann. Auch lassen sich immer wieder aufs Neue Details, etwa im Bildhintergrund, entdecken, die zuvor, auch beim 10. Anschauen, bisher verborgen geblieben waren. Die Fortsetzungen fallen qualitativ leider etwas ab, was vor allem damit zusammenhängt, dass die Filmzitate Überhand gewinnen. Bezog sich der Erstling vornehmlich auf das Kriminalfilmgenre, änderte sich das später grundlegend. Etliche populäre Filme der 70er, 80er oder frühen 90er Jahre werden durch den Kakao gezogen. Besonders fällt dies im dritten Teil auf. So werden u.a. „Die Unbestechlichen“ (oder „Panzerkreuzer Potemkin“, je nach Sichtweise), „Nur Samstag Nacht“, „Flucht von Alcatraz“, „Jurassic Park“, „Krieg der Sterne“ und „Thelma und Louise“ parodiert. Keine Frage, auch dieser Film ist sehr lustig, aber im Nachhinein wird man doch nicht den faden Beigeschmack der Beliebigkeit und der Anbiederung an den Massengeschmack los, was auch aber mit der Welle der Plagiate von stark schwankender Qualität zusammenhängt, die diese Masche relativ schnell ausreizten , z.B. „Loaded Weapon 1“ und die „Scary Movie“-Reihe“, bei dessen zweitem Sequel übrigens ein gewisser David Zucker Regie führte. Über die etlichen Versuche Leslie Nielsens, einem ehemaligen B-Movie-Schauspieler, der in Filmen wie „Alarm im Weltall“ (1956) spielte und mit Hilfe des ZAZ-Teams ein beachtliches Comeback erlebte, später an die alten Erfolge der „Nackte Kanone“-Serie anzuknüpfen, besonders über ein besonders misslungenes Machwerk, an dem ein deutscher Parfüm-Jäger als Produzent beteiligt war, hüllen wir an dieser Stelle gnädig den Mantel des Schweigens. Ist doch besser so, oder, Bernd?

Jonas Reinartz


Die Nackte Kanone
The Naked: Gun From the Files of Police Squad. USA 1988. R: David Zucker. B: Jim Abrahams, Jerry Zucker, David Zucker, Pat Proft. K: Robert Stevens. S: Michael Jablow. M: Ira Newborn. P: Paramount. D: Leslie Nielsen, Priscilla Presley, Ricardo Montalban, George Kennedy, O.J. Simpson, u.a. L : 85 min. Deutsche Erstaufführung: 27.04.1989